email Impressum sitemap

Druckbare Version

moula-moula in einem Märchen der Tuareg

moula-moula

Das Reich der feurigen Felsen

Bedidi, ein Targi aus Djanet, verließ sein Dorf, um in die Wüste zu wandern. Er befand sich in gedrückter Stimmung, denn ein Fluch lastete auf ihm. Der Silberschmied Mussa hatte den Fluch ausgesprochen, weil Bedidi Kritik an seiner Arbeit geübt hatte. Nun war Bedidi traurig, denn die Verwünschung durch einen Schmied verhieß nichts Gutes.

Der Targi folgte langsam einem schmalen Steig am Rande des Dorfes. Weit hinter den Gärten ließ er sich auf einem Stein zur Rast nieder. Bedächtig aß er einige Datteln, die er als Verpflegung bei sich trug. Da kam eine Frau vorbei. Sie trug einen Krug mit Wasser, das sie von der nahen Quelle geholt hatte. Bedidi bat sie um einen Schluck davon.

Später, als der Abend nahte, streckte er sich zum Schlaf aus. Während er noch vor sich hindöste und, angesichts der Sterne, die auf dem verblassenden Firmament erschienen, über die Erlebnisse des vergangenen Tages nachdachte, vernahm er ein seltsames Klagen. Unweit seines Schlafplatzes befand sich eine kleine Höhle. Ein Harrtani, ein Oasenbauer, benützte den Felsüberhang als Stall für sein Zebu-Rind.

Durch die Klagelaute beunruhigt, erhob sich Bedidi und hielt Nachschau. Er schob die Palmblätter, die den improvisierten Stall abschirmten, beiseite und redete beruhigend auf das Tier ein.

Das Zebu schaute den Mann mit schmerzerfüllten Augen an, und Benedi bemerkte sogleich, daß das Tier verletzt war. Im rechten Hinterlauf, knapp oberhalb des Hufes, steckte ein langer Akaziendorn. Wie jeder Targi trug auch Benedi unter der Gandurah einen kleinen Behälter mit verschiedenem Werkzeug. Er holte eine Pinzette hervor und zog damit den Stachel aus dem Fuß des Rindes, das die Behandlung dankbar über sich ergehen ließ.

Dann ging der Mann zur nahen Quelle und füllte sein Trinkgefäß mit Wasser. Damit wusch er dem Tier die Wunde aus. Das Zebu schnaubte erleichtert und plötzlich begann es zu sprechen. "Bedidi, hör mir zu! Du mußt wissen, ich bin ein Wassergeist, ein guter Djinn, der den Menschen hilft, im Gegensatz zu den Geistern des Feuers. Wir Geister beobachten alles, was um uns passiert. Ich weiß also, daß du betrübt bist, weil dir der Schmied Mussa Böses wünschte."

"Du hast recht, Zebu", sagte Bedidi. "Aber ich nehme es nicht so ernst. Du wirst sehen, es bringt ihm kein Glück."

Das Zebu, der Wassergeist, jedoch warnte:
"Sei vorsichtig, mein Freund! Sollte dich der Fluch des Silberschmieds einmal in Bedrängnis bringen, dann rufe uns um Hilfe. Ich weiß, du bist ein guter Mensch. Du hast auch mir geholfen. Ich habe hier einen kleinen Gefährten, einen Vogel, moula-moula, der von allen Tuareg verehrt wird, einen Marabut. Er hält sich immer in meiner Nähe auf, verbringt mit mir die Stunden der Arbeit. Wenn ich drunten in der Oase, an ein langes Seil gespannt, Wasser aus dem Brunnenschacht ziehe, sitzt der Marabutvogel auf meinem Kopf und vertreibt die Fliegen oder pickt mir lästiges Ungeziefer aus dem Fell. Sein fröhlicher Gesang heitert mich auf und erleichtert mir die tägliche Last des Daseins. Sollten dich böse Geister bedrohen, etwa die Geister des Feuers, so rufe uns zu Hilfe. Und nun gehe schlafen!"

Bedidi legte sich sogleich zur Ruhe. Er wollte zeitig am nächsten Morgen weiterziehen.

Während der Nacht bedeckte sich der Himmel. Eine schwere Wolke senkte sich ins Tal, verhüllte Palmenwald, Dorf und die umliegenden Berge. Über den Platz, auf dem Bedidi lag, strich eine dichte Nebelwand, rötlich gefärbt vom Licht des erwachenden Morgens.

Moula-moula, der Marabutvogel, der in der Nähe Wache hielt, flatterte aufgeregt umher. Er ahnte Schlimmes. Und tatsächlich, als der Nebel, von einem jähen Windstoß getrieben, stieg, war der Platz, an dem der Targi geschlafen hatte, leer. Der Mann wurde von unsichtbaren Kräften in die Lüfte gehoben und verschwand.

Bedidis unfreiwillige Reise führte über Schluchten und Felsen, über Sandflächen und Dünen bis zu einer Hochebene, die mit riesigen Steinfiguren bedeckt ist, geschaffen von den Geistern des Windes, des Feuers und der Erde. Auf der höchsten Erhebung, dem Gipfel eines pyramidenförmigen Berges, wurde der Mann abgesetzt. Benommen stolperte er über brüchiges Gestein. Plötzlich tat sich ein Abgrund auf, ein dunkler Schlund, der den entführten Targi verschlang. Kein Lebewesen außer ein kleiner Vogel hat das Geschehnis beobachtet.

Nach einer unsaften Landung befand sich Bedidi in einer kleinen Höhle, von der ein Gang wegführte. Er versuchte zu gehen, kam aber nur langsam voran. An seinen Füßen spürte er schwere Eisenringe, die ihm jeden Schritt zur Qual machten. Trotzdem mußte er unentwegt weitergehen, gedrängt von jenem gestaltlosen Wesen, das ihn in den Schacht gestoßen hatte. Bedidi konnte seinen Peiniger nicht sehen, aber er spürte seine Aura, einen schier unerträglichen heißen Hauch.

Der unterirdische Gang wurde zunehmend heller, obwohl keine Öffnung ins Freie und keine Lichter zu erkennen waren. Die Helligkeit ging vom Fels aus. Es waren die Steine, die leuchteten.

In den Tiefen der Erde wohnen die Geister, die guten und die bösen. In diesem heißen Labyrinth, in dem nun der arme Targi herumirrte, waren die schlimmsten zu Hause.

Je weiter Bedidi vorankam, umso mühsamer wurde es für ihn. Die scharfen Steine unter seinen Füßen erschienen ihm wie glühende Kohlen. Seine Schritte verursachten in diesem Naturgewölbe einen unheimlichen Widerhall, und wenn ein Stein zu Boden fiel, wurde der Knall von allen Seiten ohrenbetäubend zurückgeworfen, um sich darauf in der Ferne als furchterregendes Donnergrollen zu entladen.

Am Ende des langen Ganges tat sich eine riesige runde Kaverne auf, begrenzt von feurigen Wänden. Es war die Geisterschmiede. Die Djenoun arbeiteten ohne Unterlaß, und wenn eine Mauer zu erkalten drohte, betätigten sie einen riesigen Blasebalg, und schon schlugen wieder die Flammen aus dem Fels.

Was der Targi nun sah, ließ ihn zutiefst erschauern: Aus den Steinen tropften Tränen. Glühende Tränen klatschten in ein Gerinne, durch das eine zähe, weiße Masse floß und in ein großes Becken mündete. Dort saß ein Dämon, der wie eine schwarze Kröte aussah. Als Bedidi einen Blick in den blubbernden Teich warf, murmelte der Gnom mit schnarrender Stimme: "Quecksilber, Quecksilber..."

Bald gelangte der gefangene Targi in eine andere Grotte, und was er dort sah, raubte ihm beinahe das Augenlicht. Hunderte Geister arbeiteten an ihren kleinen Essen mit einem Eifer, daß die Funken nur so sprühten. Glühende Metallspäne erzeugten ein permanentes Feuerwerk und der Boden funkelte in unvorstellbarer Pracht, denn er war mit Millionen von Edelsteinen übersät, mit Diamanten, Saphiren, Rubinen, Topasen und Smaragden.

Bedidi sah auch Steine, deren Namen er nicht kannte, denn die Geister achteten eifersüchtig darauf, daß die Menschen deren Schönheit nicht zu Gesicht bekamen. Die Handwerker der Unterwelt stellten aber auch verschiedene Gebrauchsgegenstände her, die für den Palast ihrer Königin bestimmt waren: Ringe, Anhänger, Halsketten, zierliche Schlösser und kunstvolle Kassetten.

In dem glitzernden, von Rauch und Funken erfüllten Gewölbe herrschte beängstigendes Treiben, ein unentwegtes Rennen und Drängen, ein ohrenbetäubendes Hämmern und Feilen. Bedidi fühlte sich am Ende seiner Kraft. Er sehnte sich nach der Stille und Einsamkeit in den Tälern der Nomaden und in der Welt der großen Dünen. Doch er hatte die Hoffnung aufgegeben, sie jemals wiederzusehen.

"Wo sind nur meine guten Geister? Ob sie mir noch helfen können?"

Kaum hatte er diese Worte der Verzweiflung ausgesprochen, vernahm er eine feine Stimme, die ihm bekannt vorkam. Es war moula-moula, der Vogel Marabut, der zu ihm sprach:

"Sei ruhig, mein Freund! Ich werde dich herausholen. Bald wirst du deine Stein- und Sandwüsten wiedersehen und die lieblichen Täler. Das Zebu macht sich Sorgen um dich und hat mich ausgesandt, dich zu suchen."

"Ich danke dir, lieber kleiner Vogel! Du gibst mir Hoffnung. Wie lange werde ich wohl noch im Reich des Feuers ausharren müssen?"

"Hab Geduld", antwortete moula-moula. "Bald kommen wir in den Thronsaal der Königin. Folge mir! Wir müssen noch einen langen Gang überwinden. Dann wird alles besser."

Der Targi vertraute sich der Führung des hilfreichen Federtieres an, das vor ihm herflatterte. Je weiter sie sich von den Höhlen der Schniede entfernten, umso erträglicher wurde es für die beiden. Die Hitze und der Lärm nahmen ab, die Luft wurde frischer. Schließlich erreichten sie ein mächtiges Gewölbe mit Wänden aus rötlichem Marmor. Der Stein schien transparent wie Kristall und erstrahlte in einem imaginären Licht.

Plötzlich stieg aus dem mit Edelsteinen gepflasterten Boden eine Sänfte auf, ein kunstvolles Netzwerk aus glühenden Fäden, in dessen Mitte eine feurige Kugel ruhte. Langsam wie eine Sonne schwebte der Feuerball empor. Schließlich öffnete sich das Netz und der gleißenden Kugel entstieg eine Frau von unbeschreiblicher Schönheit. Ihre schlanke Gestalt umhüllte ein langes, in allen Farben funkelndes Kleid. Vom blauschwarzen Haar fiel ein silbrig schimmernder Schleier, der von einer goldenen Schlange gehalten wurde. In der rechten Hand trug die Königin eine eherne Lanze. Als sie damit gegen die Kugel stieß, die ihr als Podest diente, begannen die kleinen Kobolde, die ebenfalls eiserne Lanzen trugen, einen wilden Tanz. Höllischer Lärm erfüllte alsbald den Raum. Das Stampfen der Tänzer und der ekstatische Wirbel der Trommeln hallte vielfach verstärkt von den Wänden wider. Am Schluß warfen alle ihre Lanzen und Trommeln in die Luft. Eine der kleinen Lanzen fiel nahe jener Stelle zu Boden, an der Bedidi stand.


"Nimm die Lanze und dann weg von hier" rief moula-moula, der auf Bedidis Schulter saß.

Das Fest war zu Ende. Die Tänzer und Trommler zogen sich zurück.Die glühende Kugel versank im Grund und mit ihr die Königin.

Der Targi und sein gefiederter Helfer eilten wieder einen langen Stollen entlang, der in einer silbrig glänzenden Kaverne endete. Hoch droben an der Decke klaffte eine Öffnung. der Flüchtende sah jedoch keine Chance, aus eigener Kraft dort hinauf zu gelangen.

"Was sollen wir jetzt tun? Ich bleibe hier für ewig gefangen", klagte der Targi. Moula-moula erwiderte:

"Verliere nicht den Mut. Du hast doch die Lanze."

"Was soll ich damit. Sie ist nutzlos."

"Keineswegs", sagte moula-moula. "Die Lanze wird uns retten. Halte sie fest und richte sie gegen die Öffnung!"

Kaum hatte der Targi diesen Rat befolgt, wurde er wie von einem Magnet nach oben gezogen. Bedidi bemerkte noch, wie seine schweren Fußreifen abfielen, dann stand er im Freien.

Die Landschaft kam ihm bekannt vor: Berge, steile Abstürze, in der Ferne ein markantes Massiv, das die Leute "Kaf al Djenoun" (Burg der Geister) nennen. Und rundum Tausende Felsnadeln, ein Heer von bizarren Steingestalten. Eine davon hat die Form einer Frau. Als sich der Targi ihr näherte, begann sich der Stein zu regen. Eine weibliche Gestalt löste sich aus dem Fels und begann talwärts zu schreiten. Bedidi wollte etwas sagen, aber die Frau bedeutete ihm zu schweigen.



Am Fuß des Abhangs lagerten zwei weiße Kamele mit kostbaren Sättlen. Auf ein Zeichen der Frau hin eilten dienstbare Wesen herbei und reichten dem Targi einen kühlen Trunk. Darauf begannen sie zu tanzen. Dazu sangen sie ein Lied. Es handelte von einem Schmied, bei dem das Unglück einkehrte: das Holzkohlenfeuer erlosch, Ringe und Armreifen zerbrachen, der Hirsebrei blieb kalt ... Der Fluch war zurückgekehrt zu Mussa, der damit den armen Targi hatte treffen wollen.

Bedidi und die geheimnisvolle Frau bestiegen die weißen Kamele und ritten davon. Am nächsten Morgen erwachte der Targi an dem Platz, wo er vor seinem Abenteuer eingeschlafen war. Neben ihm stand das Zebu, und auf dem großen Stein saß zwitschernd ein Vogel: moula-moula...

aufgezeichnet von Gert Müller